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INTERVIEW | NIK BOHNENBERGER, Luxemburger Musiker in Berlin

Donnerstag, 09. April 2015

© Andreas Krause

 
„Ob ich in 10 Jahren Musiklehrer bin kann ich jetzt nicht sagen. Ob ich Komponist bin auch nicht. Am liebsten wäre ich alles gleichzeitig.“

Nik Bohnenberger stammt aus Luxemburg und ist nach Berlin gezogen, um Musik zu studieren. Im Interview mit der Botschaft des Großherzogtums Luxemburg in Berlin erzählt er über seine Erfahrungen, die Unterschiede zwischen Luxemburg und Berlin und über seine Passion: die Musik.

 
 
Seit wann machst du Musik?

Seit ich 5 Jahre alt bin! In Luxemburg beginnt man ja zuerst mit Solfège (Notenlernen usw.).

 
Gab es einen Auslöser für deine Begeisterung?

Es ist eine Familientradition, also weniger eine Begeisterung als vielmehr eine absehbare Wendung. Und doch war die Begeisterung groß, als ich meinen ersten und einzigen Hornlehrer auf seinem Instrument spielen sah. Ich wollte unbedingt das Gleiche lernen!

 
Kommst du aus einer musikalischen Familie?

Ja, alle spielen im Dorfverein. Auch Onkel und Cousins, es war ein einziger Familientreffpunkt!

 
Wann hattest du deinen ersten Auftritt vor fremdem Publikum?

Das weiß ich nicht mehr. Ich nehme an irgendwann im Grundschulalter.

 
Hast du ein Vorbild?

Die Entwicklung, die ein Musiker macht, ist gekoppelt an viele Vorbilder. Man sieht etwas und will es ausprobieren. Da waren zum Beispiel Komponisten, deren Lebensgeschichte, aber auch musikalische Entwicklung ich mit Genuss gelesen habe und es ihnen gleichtun wollte, wie z.B. Tchaikovsky, Schostakovich, Schönberg, Strawinsky. Es gibt aber auch Menschen in meinem direkten Umfeld, die ich mit großen Augen betrachte. Im Horn war dies wohl mein langjähriger Hornkollege aus dem Echternacher Musikverein, der mir alle „Regeln“ des gemeinsamen Musizierens beigebracht hat. In der Komposition dann wohl Ivan Boumans, luxemburgischer Komponist, mit dem ich mich viel ausgetauscht habe und von dem ich sehr viel gelernt habe.

 
Was ist dein größtes Ziel in deiner musikalischen Karriere?

Ich glaube nicht daran, dass ich mich irgendwann mit einem erreichten Ziel zufrieden geben kann. Eins meiner Ziele ist es, in mehreren musikalischen Bereichen nachher tätig zu sein. Ich konnte mich nie auf eine Sache fixieren. Ich bilde gerade mehrere musikalische Aspekte aus und ich hoffe, auch später diese in meinem Beruf miteinander verbinden zu können. Ein großes Ziel, das ich vor Augen habe, ist, etwas für die Kultur von Luxemburg zu machen. Ich will gerne einmal große musikalisch-pädagogische Projekte ins Leben rufen. Als Komponist möchte ich irgendwann erreichen, freischaffend arbeiten zu können, von meiner Musik leben zu können. Aber das ist noch ein ungewisser Teil in einer ungewissen Zukunft …

 
Wie genau heißt dein Studiengang und was ist das Besondere an ihm?

Ich studiere nicht, wie man annehmen könnte, Komposition, sondern Musik und Germanistik auf Lehramt. Dies spezialisiert für Gymnasien. Ich war immer unsicher, Komposition zu studieren, weil ich mir noch nicht viel darunter vorstellen konnte, doch vielleicht kommt dies noch. Das Besondere an meinem Studiengang ist die alltägliche Abwechslung, die genau zu meinem Drang passt. Ich habe viele musikalisch-praktische Fächer (Horn, Klavier, Gesang), aber auch musiktheoretische, -wissenschaftliche und -pädagogische Fächer. Doch auch wenn ich vollkommen von der Musik gelöste Fächer habe wie Literaturwissenschaft, dann ist dies eine neue Form der Inspiration. Ich finde das pädagogische Element in meinem Studiengang jedoch das Wichtigste, denn niemand kann nachhaltig kulturell tätig sein, wenn er nicht das kulturelle und musikalische Denken an die nächsten Generationen weitergibt.

 
War es schwer für dich, aus Luxemburg wegzugehen? Was vermisst du? Was magst du an Berlin?

Am Anfang war es schwer, weil ich aus einem kleinen Dorf stamme, wo jeder jeden kennt, und mir die Größe und Anonymität der Großstadt etwas Unbehagen bereitete. Doch auch das hat Vorteile: Deine künstleriche Arbeit wird nicht sofort aus deinem sozialen Kontext betrachtet, wie das oft in Luxemburg der Fall ist. Trotzdem ist es in Luxemburg viel einfacher, in bestimmte Bereiche der Musik hineinzugelangen, eben weil es kleiner und stärker vernetzt ist. In Berlin baut man sich eine ganz eigene Musikwelt auf, die man sich selbst angeeignet hat. Dies braucht eben ein bisschen mehr Zeit, aber die soll man sich nehmen. Manchmal vermisse ich die Luxemburger Folklore. Das mag altmodisch klingen, doch wenn man auf dem Dorf aufwächst, ist man viel in Kontakt mit der Folkloremusik. Für mich war das der Ausgangspunkt meiner musikalischen Inspiration. Da hat alles begonnen. In Berlin fühlt man sich zu Beginn so entwurzelt. Aber genau das ist ja auch das Charmante an Berlin. Berlin bietet dir schnell neuen Nährboden.

 
Gibt es Unterschiede zwischen Luxemburg und Berlin im Hinblick auf den Musikgeschmack der Menschen?

Ja! Wie gesagt gibt es in Berlin wegen der Geschichte und der multikulturellen Einflüsse fast keinen Folkloremusikbereich. Aber auch die Orchesterlandschaften sind sehr unterschiedlich. In Luxemburg gibt es neben dem professionellen Philharmonieorchester und der Militärkapelle vor allem Blasorchester. In fast allen Dörfern findet man die und die Niveaus sind sehr variabel. Doch es haben sich aus dieser Tradition auch Orchester und Orchesterliteratur herausgebildet, die einem symphonischen Niveau ähnlich sind. Dieses Niveau ist an die holländische und englische Blasmusiktradition gekoppelt, die auch Hochburgen der Blasorchester sind (Weltmeisterschaften etc.). Dieser Einfluss finde ich sehr einzigartig in Luxemburg. In Berlin gibt es fast gar keine Blasorchestertradition (obwohl sie in Luxemburg wohl ein Überbleibsel der preußischen Besatzung ist). Hier gibt es Symphonieorchester! Und das ist auch gut so, weil jetzt kann ich von beiden profitieren und lernen. Die Avantgardemusik ist in Luxemburg wie in Berlin sehr weit fortgeschritten. Da muss Luxemburg sich nicht verstecken vor dem Kunstvorreiter Berlin.

 
Wie sieht dein Uni-Alltag aus? Musiziert ihr zusammen in Gruppen oder müsst ihr auch Vorlesungen anhören wie andere Studenten?

Wie bereits angedeutet habe ich eine ausgewogene Mischung aus praktischem Musizieren und Vorlesungen respektive Seminaren. Das Musizieren teilt sich in Einzelunterricht (Horn, Klavier, Gesang) und in Gruppenunterricht (Chor, Dirigieren,  Orchester …) auf. In der Universität der Künste habe ich eher keine Vorlesungen, sondern Seminare in kleinen Gruppen bis 20 Studenten, wo wir dann gemeinsam z.B. musikwissenschaftliche Themen erarbeiten. In der Humboldt Universität habe ich aber auch normale Vorlesungen. Aber so funktioniert dieser Studiengang. Man pendelt immer zwischen zwei Universitäten und auch zwei verschiedenen Fächern und Herangehensweisen.

 
Herrscht an der Uni ein starker Konkurrenzdruck?

In meinem Studiengang eher nicht. Ich denke, dass bei anderen Studiengängen, wie z.B. wenn man sein Instrument als Hauptfach studiert, ein gewisser Konkurrenzdruck vorhanden ist, aber das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

 
Wie viele Stunden machst du pro Tag Musik?

Das variiert. Es gibt Tage, da muss ich meinen Kopf von Musik freibekommen. An anderen Tagen mache ich von morgens bis abends Musik. Musik ist eben deswegen für mich so spannend, weil es kein beständiges Fach ist, wo man jeden Tag mit einer Routine herangehen kann.

 
Hast du eine Lieblingsband? Warum magst du sie?

Lieblingsbands ist schwierig, wenn man sich viel mit klassischer Musik beschäftigt. Doch mir fällt sofort nur eine Band ein. Es ist eine Jazz/Funkband aus Texas, die sich „Snarky Puppy“ nennt. Sie spielen alle Stile und man kann sie nicht richtig definieren, nur dass sie alles, was sie anfassen, mit einer unglaublichen Begeisterung machen. Sie sind eine Band von bis zu 15 Mann und meistens rein instrumental. Das klingt nach anstrengender Musik, aber ich bin der Meinung, dass sich jeder für sie begeistern könnte, weil sie die Musik sehr überzeugend rüberbringen. Einfach mal das Album „We like it here“ hören und dann weiß jeder, wovon ich spreche!

 
Komponierst du auch selbst?

Ja! Neben dem Studium ist das meine Hauptbeschäftigung. Ich habe mit 12 Jahren begonnen und nie aufgehört. Ich musste immer zu den ganzen Musikeindrücken um mich herum mein persönliches Statement abgeben. So konnte ich mir am einfachsten die Musik, die ich gehört habe, erschließen, indem ich selbst die Eindrücke verarbeitete. Vielleicht werde ich auch noch Komposition an mein Schulmusikstudium anhängen, das werde ich jetzt noch nicht entscheiden. Jetzt genieße ich es, als freischaffender Komponist zu arbeiten, so als Studentenjob.

 
Was machst du zur Entspannung neben dem Studium?

Musikschreiben. Und wenn ich keine Musik mehr hören kann, dann das, was alle Jugendlichen in meinem Alter machen: mit Freunden etwas unternehmen, ausgehen, lesen usw.

 
Hast du einen Tipp für künftige Musiktalente?

Machen! Auch wenn man auf die Nase fällt, einfach immer wieder versuchen. Den wenigsten Menschen gelingt etwas beim ersten Mal, auch wenn sie Talent haben. Man lernt durch die Fehler, die man macht, aber man muss sie zuerst machen. Ich habe, glaube ich, viel Quatsch geschrieben, aber mit jedem Stück, mit dem ich unzufrieden war, wusste ich besser, was ich genau schreiben wollte. Ein Talent schält sich erst heraus. Ich bin sogar der Meinung, dass man nie wissen kann, ob man jetzt als Musiker etwas erreicht hat. Was zählt ist, dass man es versucht hat! Und mach dein Ding: Trau dich, deine Passionen nach außen zu tragen, auch wenn sie noch so skurril sind und entgegen dem Mainstream-Musikgeschmack. Im Musikbusiness wird Originalität oft noch höher belohnt!

 
Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Ich hoffe, dass ich in 10 Jahren genau diese angestrebte Vielfalt an musikalischen Wegen, die ich gehen will, einmal ausprobiert habe und mich vielleicht auf dem einem oder anderen befinde. Ob ich in 10 Jahren Musiklehrer bin, kann ich jetzt nicht sagen. Ob ich Komponist bin, auch nicht. Am liebsten wäre ich alles gleichzeitig.

 
© Botschaft des Großherzogtums Luxemburg

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